Spiritualität und Verantwortung
Hier geht es mir darum, wie das Arbeiten mit spirituellen beziehungsweise geistigen Kräften in der heutigen Zeit meiner Ansicht nach verstanden und praktiziert werden sollte.
Dabei geht es zum einen um die Notwendigkeit einer inneren spirituellen Schulung und zum anderen um die Verantwortung für die Kräfte, mit denen gearbeitet wird. Diese Verantwortung sehe ich im therapeutischen Alltag, insbesondere im ganzheitlichen Arbeiten, nicht immer ausreichend bewusst übernommen.
Gerade weil viele ganzheitliche Methoden mit geistigen Kräften arbeiten, halte ich es für wichtig, diesen Punkt einmal ausdrücklich zu benennen. Auch deshalb, weil ich mich ansonsten öffentlich kaum zur Anthroposophie äußere, mich aber seit Jahrzehnten intensiv mit ihr beschäftige. Diese Auseinandersetzung fließt im Hintergrund in meine therapeutischen Überlegungen ein, ohne dass ich meine Arbeit als anthroposophische Medizin bezeichnen würde.
Spiritualität betrifft nicht einen Sonderbereich des Lebens. Kein Mensch handelt oder im Falle von Therapeuten behandelt ausschließlich auf einer rein materiellen Ebene. Viele Menschen sehen jedoch die übergeordneten geistigen Ebenen in ihrem täglichen Leben nicht bewusst und beziehen sie deshalb auch nicht gezielt in ihr Handeln ein. Soweit man jedoch gezielt therapeutisch mit diesen Ebenen arbeitet, stellt sich zwangsläufig die Frage nach dem Umgang mit ihnen.
Wenn man mit geistigen Kräften arbeitet, und das tun im Grunde alle ganzheitlich arbeitenden Mediziner und Therapeuten, dann arbeitet man nicht mit etwas Diffusem oder Unbestimmtem. Es handelt sich nicht um vage Energien, sondern um reale geistige Kräfte. Akupunktur, Homöopathie, osteopathische Methoden, Yoga, schamanische und andere ritualisierte Verfahren arbeiten mit diesen Kräften. Auch Verfahren, die versuchen, ein technisches Gerät zwischen den menschlichen Organismus und diese geistigen Ebenen zu schalten, gehören in diesen Zusammenhang. Bioresonanz ist nur ein Beispiel unter vielen. Es gibt mittlerweile zahlreiche Analysegeräte, die über Frequenzmodelle oder ähnliche Konzepte eine Diagnostik ermöglichen wollen.
Unabhängig davon, wie man diese Geräte beurteilt, zeigen sie eines sehr deutlich. Es existiert bereits die Idee, dass der Umgang mit geistigen Kräften möglicherweise erneuert oder zumindest angepasst werden müsse. Der Erneuerungsgedanke ist also längst vorhanden. Die eigentliche Frage lautet jedoch, was Erneuerung in diesem Zusammenhang überhaupt bedeutet. Es geht nicht um eine neue Technik im äußeren Sinne, sondern um den Umgang des Menschen mit den geistigen Kräften selbst.
Die Antwort auf diese Frage findet sich aus meiner Sicht konsequent in der Anthroposophie. Die von Rudolf Steiner begründete Geisteswissenschaft ist für viele Menschen eher unbequem, weil sie den Anspruch erhebt, Wissenschaft im Geistigen zu sein. Dabei sind nicht jene Disziplinen gemeint, die heute an Universitäten als Geisteswissenschaften gelehrt werden, sondern eine tatsächliche Wissenschaft vom Umgang mit geistigen Welten. Diese setzt zwingend voraus, dass der Mensch seine Wahrnehmung für diese Welten schult. Ohne eine solche Schulung bleibt das Geistige nicht wahrnehmbar.
Aus meiner eigenen bewussten Erfahrung über vier Jahrzehnte im Umgang mit diesen Welten nehme ich wahr, dass genau diese Schulung heute weitgehend vernachlässigt wird. Wenn Schulung stattfindet, dann entweder in sehr alten Methoden, die vor tausenden von Jahren entwickelt wurden, oder in der Ausbildung technischer therapeutischer Verfahren wie Homöopathie, Akupunktur oder Osteopathie. In diesen Ausbildungen wird zwar eine gewisse Wahrnehmung geschult, allerdings meist bezogen auf den Organismus und den therapeutischen Kontext. Dadurch entsteht ein Gefühl für Prozesse, was keineswegs geringzuschätzen ist. Die Frage ist jedoch, ob es bei einem Gefühl bleibt oder ob daraus Erkenntnis entsteht.
Erkenntnis ist mehr als die Erfahrung. Erkenntnis setzt einen bewussten Erkenntnisprozess voraus. Dieser Prozess ist heute notwendig für alle Menschen, die nicht nur mit geistigen Kräften arbeiten wollen, sondern sie auch verstehen möchten. Früher war das anders. Die spirituellen Methoden, die vor tausenden von Jahren entwickelt wurden, dienten der Orientierung in den geistigen Welten zu einer Zeit, in der die Menschheit noch in enger Verbindung mit ihnen stand. Damals brauchte es andere Praktiken als heute, um diese Verbindung aufrechtzuerhalten.
An dieser Stelle wird häufig eingewandt, das Geistige sei zeitlos und unterliege daher keiner Entwicklung. Auf einer Ebene ist das richtig. Geistige Wirklichkeiten sind nicht an Zeit und Raum gebunden. Auch das, wohin wir uns entwickeln, existiert ebenso wie das, woraus wir kommen. Gleichzeitig leben wir als Menschheit in einer Welt, in der Zeit eine reale Erfahrung darstellt. Diese Welt wird in vielen Kulturen als Maya bezeichnet, als eine kollektive Illusion. Innerhalb dieser Illusion existiert Zeit sehr wohl und ist ein wesentlicher Bestandteil dieser Erfahrung. In dieser Zeit finden Entwicklungen statt. Wir entwickeln uns in der Materie, und ebenso finden Entwicklungen im Geistigen statt. Auch wenn die geistige Wirklichkeit in ihrem Wesen zeitlos ist, vollzieht sich unser menschlicher Erkenntnis- und Schulungsweg innerhalb dieser zeitgebundenen Erfahrungswelt. Diese Maya ist nicht bedeutungslos, sondern stellt den eigentlichen Schulungsraum der Menschheit dar. Das Wissen um die Illusion allein befreit nicht aus ihr. Entscheidend ist, dass wir lernen, uns innerhalb dieser Illusion bewusst zu entwickeln.
Die heutige Menschheit ist wesentlich tiefer in die materielle Welt eingetreten und deutlich stärker von diesen geistigen Kräften getrennt. Deshalb können dieselben Methoden heute nicht dasselbe bewirken. Es ist nicht realistisch zu erwarten, dass alte Praktiken aus der traditionellen chinesischen Medizin, aus dem Yoga, aus schamanischen oder druidischen Traditionen heute unverändert dieselben Ergebnisse liefern. Die Menschheit hat sich verändert.
Was die Menschen früher jedoch nicht hatten, war die ausgeprägte Kraft des Denkens. Gerade diese Fähigkeit wird heute in vielen spirituellen Strömungen abgelehnt. Häufig wird gefordert, das Denken abzustellen und sich ausschließlich dem Fühlen hinzugeben. Das Problem dabei ist, dass unklar bleibt, was eigentlich gefühlt wird. Ohne Denken fehlt die Möglichkeit, Wahrnehmungen zu benennen, zu verstehen, einzuordnen und zu unterscheiden. Das ist heute aber zur Orientierung essenziell.
Um dies leisten zu können, braucht es Training. Betrachtet man, was Rudolf Steiner dazu ausführt, beschreibt er die Entwicklung der Menschheit als einen Weg weg vom Göttlichen und wieder hin zum Göttlichen. Dieser Weg dient der Ausbildung von Ich Kraft, Freiheit und Selbstständigkeit. Steiner formuliert dies bildhaft, indem er sagt, die Menschheit sei heute gewissermaßen einundzwanzig Jahre alt. In früheren Zeiten befand sie sich noch in einer kindlichen Phase.
So wie ein kleines Kind noch kein ausgeprägtes Ich Bewusstsein hat und sich als Teil seiner Umgebung erlebt, lebten auch frühe Menschheitskulturen in einer unmittelbaren Verbundenheit mit dem Geistigen. Damals gab es geistige Führer, denen vertraut wurde. Diese Führer hatten Zugang zu den geistigen Mächten und stellten Gesetze auf, nach denen gelebt wurde. Diese Phase ist mit dem Christus Ereignis abgeschlossen.
Das Christus Ereignis wird in der Anthroposophie als reale geistige Zeitenwende verstanden. Es markiert den Wendepunkt vom vollständigen Absinken in die Materie hin zur allmählichen Rückkehr zum Geistigen, nun jedoch auf individueller Basis. Das Christentum, von dem hier gesprochen wird, ist kein religiöses Bekenntnis im kirchlichen Sinne, sondern eine geistige Realität, wie Rudolf Steiner sie unter anderem in seinem Werk Das Christentum als mystische Tatsache beschreibt. Seitdem ist jeder einzelne Mensch aufgefordert, diesen Weg selbst zu gehen. Die Entwicklung geschieht nicht kollektiv, sondern individuell und in unterschiedlichem Tempo.
Heute leben wir im Zeitalter der Bewusstseinsseele. Das bedeutet, dass Spiritualität nicht mehr vorgegeben werden kann. Die Zeit der Propheten ist vorbei. Die Menschheit ist freigelassen. Jeder Einzelne ist verantwortlich für seine eigene spirituelle Entwicklung. Die sogenannte zweite Wiederkehr des Christus wird nicht als erneute physische Inkarnation verstanden, sondern als ein Geschehen, das in der geistigen Welt stattfindet und von jedem Menschen bewusst wahrgenommen werden kann, wenn er sich selbstständig auf den Weg macht, diesen Prozess zur Möglichkeit dieser Wahrnehmung zu gehen.
Das dunkle Zeitalter, das in vielen Traditionen als Kali Yuga bezeichnet wird, ist vorbei. Damit ist die Möglichkeit verbunden, dass jeder Mensch aus eigener Bewusstseinskraft wieder Zugang zu den geistigen Welten finden kann. Diese Möglichkeit bedeutet jedoch keine Garantie. Sie verlangt Schulung, Disziplin und Erkenntnisarbeit.
Rudolf Steiner beschreibt einen solchen Schulungsweg unter anderem in seinem Buch Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten. Dieser Weg schließt das Denken ausdrücklich ein. Gemeint ist kein totes, abstraktes Denken, sondern ein lebendiges Denken, das sich mit dem Wahrgenommenen verbindet.
Gerade in der therapeutischen Arbeit ist diese Erkenntnis essenziell. Spirituelle Arbeit ohne Wissen und ohne Erkenntnis kann auch Schaden anrichten, davor sind wir nicht mehr geschützt, heute haben wir die Verantwortung selber, die kann uns kein geistiger Führer und kein geistiges Wesen abnehmen. Es genügt heute nicht mehr, etwas pauschal ins Licht geben zu wollen oder sich auf wohlmeinende Absichten zu verlassen. Wir tragen Verantwortung für das, womit wir arbeiten.
Die Menschheit ist erwachsen geworden. Damit geht die Pflicht einher, zu wissen, mit welchen Kräften man arbeitet, welche Prozesse man berührt und welche Wirkungen man auslöst. Eine zeitgemäße spirituelle Schulung ist daher keine Option, sondern eine Notwendigkeit, wenn man therapeutisch mit diesen Kräften arbeiten möchte.